CARETERRA AUSTRAL

Die nächste Siedlung ist Cochrane, ein etwas verschlafen wirkendes Dorf laut Transparenten soll es hier Tourismus geben, na ja sieht eher mehr nach „toter Hose aus“! Wir bekommen in einem Hostal ein sehr einfaches Zimmer, mit Stockbetten, ist ja eh nur für eine Nacht.

Am nächsten Morgen hatte sich der Wettergott wieder einmal gegen uns verschworen, Bewölkung und leichter Nieselregen. Zwischen den dichten Wäldern schimmern immer wieder türkis farbene Seen und Flüsse durch, ein Paradies für Angler. Wir erreichen den Lago General Carrera, diesen See teilen sich Chile und Argentinien, auf der argentinischen Seite heißt er allerdings Lago Buenos Aires. An solchen Dingen merkt man noch, dass es zwischen den beiden Ländern schon immer diverse Unstimmigkeiten gegeben hat. Jeder kocht sein eigenes Süppchen und sagt von sich aus, dass er der bessere ist, würden die beiden Länder etwas mehr zusammen halten, könnten sie sich gegen den großen Bruder im Norden, den USA weit besser behaupten. In Puerto Tranquilo legen wir einen Stopp ein, denn von hier fahren die Boote zur Catedral de Marmol. Es hat zwar zu regnen aufgehört, doch der Wind peitscht die Wellen ganz schön hoch, bin gespannt ob die überhaupt bei dem Wetter hinaus fahren. Sie fahren, nur dauert es eine ganze Weile bis es mit dem Preis passt, dann ist wieder kein Kapitän fürs Boote da, naja hier braucht man eben Geduld. Endlich ist es soweit, wir können fahren, es sind kleine offene Boote für max. 8 Personen und bei den Wellen schaukeln die ganz gehörig! Wir sind über eine halbe Stunde unterwegs zu den Felsen an der Küste. Im Laufe der Jahrtausende hat das Wasser diese Felsen ausgehöhlt und es entstanden kleine Arkaden und Grotten. Der schönste dieser haushohen Felsklötze steht im See etwa hundert Meter vom Ufer entfernt, die Catedral de Marmol. Sieht beeindruckend aus dieser Felsen, wir fahren in eine dieser Grotten hinein, faszinierend was hier durch die Kraft des Wassers entstanden ist, vor allem die Farben und Schattierungen an den Aushöhlungen. Am Rückweg wird mir etwas mulmig zumute, denn die Wellen werden höher und das Boot wird ganz schön hin und her geworfen. Der Kapitän hat ganz schön zu tun um das Boot mit dem kleinen Außenborder auf Kurs zu halten. Bin ich froh als wir das Ufer erreichen, Seemann das wäre nichts für mich, mir reichen die kleinen Wellen hier am See schon!

Wir verlassen den See und die Schotterpiste der Careterra Austral windet sich durch ein wildromantisches Tal, überall saftiges Grün, kein Wunder bei dem vielen Regen hier. Kilometer lang stehen hier Baumleichen im Wasser und auch die Hügel hinauf, die abgestorbenen Stämme von der Sonne ausgebleicht, ragen gespenstisch in den Himmel. Farmer hatten hier in den vierziger Jahren Waldbrände entfacht die dann außer Kontrolle geraten waren. Denn Maschinen hatten die Farmer damals zur Rodung der Bäume nicht.

Wolken und Sonne wechseln sich in kurzem Intervall ab und lassen dramatische Stimmungen entstehen. Wir erreichen am Abend Villa Cerro Castillo eines dieser kleinen Dörfer an der Careterra, man muss hier wirklich geboren sein um hier leben zu können, am A….. der Welt! Die Hostals werden immer einfacher, aber immer noch besser als draußen bei dem unbeständigen Wetter zu zelten. Die Besitzerin gibt uns zur Antwort als wir nach einem Lokal wegen Essen fragen, dass derzeit die wenigen Lokale im Ort geschlossen sind. Aber wenn wir wollen, es gibt noch etwas aus ihrer Privatküche, Reis Huhn und etwas Gemüse, passt genau für zwei ausgehungerte Motorradfahrer. Am nächsten Morgen, wir können es kaum glauben, die Sonne scheint. So machen wir uns auf den Weg nach Coihaique, welch ein Genuss endlich wieder Asphalt unter den Rädern zu haben. Das bewaldete Tal weitet sich und geht in Farmland über und somit fehlt uns der Schutz durch die hohen Berge und so sind wir wieder dem stürmischen Wind ausgesetzt. Um fotografieren zu können lehne ich mein Motorrad an einen Strommasten, denn am Hauptständer hätte es der böige Wind sofort umgeworfen. Coihaique, eine Stadt für Abenteuertouristen, alles über Rafting, Kanu, Reiten, Bergtouren u.s.w. wird hier angeboten. Jede Menge an Agenturen und Trekkinggeschäften sind hier in der Stadt angesiedelt. Nach dem Mittagessen fahren wir allerdings weiter und erreichen am späten Nachmittag Villa Manihuales, es ist Samstag und hier findet eines der sommerlichen Rodeos statt. Die Huasos, so heißen die Gauchos in Chile, sind gerade dabei die Wildpferde zu bändigen. Zwei Männer bereiten die Wildpferde für den Reiter vor, an einem langen Pfosten wird es festgebunden und dann versuchen sie das Zaumzeug anzulegen. Wenn der Reiter bereit ist lassen die beiden Männer das Pferd los und unter lautem Gejohle der Zuschauer geht der wilde Ritt los, einige können sich bis zum Läuten einer Glocke, die das Ende der Mindestzeit angibt auf dem Pferd halten.

So, der erste Teil des Rodeos ist beendet, weiter geht es in einer Stunde. Darren will unbedingt noch weiter fahren, so spät am Abend die wenigen Kilometer bringen auch nichts mehr und außerdem möchte ich noch sehen wie das Rodeo weiter geht. So trennen wir uns, ich suche mir ein Quartier und werde gleich in der Nähe des Rodeoplatzes fündig. Das Motorrad darf ich in so einer Art Scheune/Werkstätte unterstellen. Zurück am Rodeoplatz ist das Publikum in die kleine Arena übersiedelt. Hier machen sich die Huasos fertig zum Bullenreiten. Nachdem der Reiter von dem Bullen abgeworfen wird versuchen die anderen ihn mit dem Lasso einzufangen, nur so richtig drauf haben das die Jungs noch nicht, sieht im Fernsehen viel einfacher aus. Kurz vor der Dämmerung ist das Rodeo für den heutigen Tag beendet, morgen gibt es das Finale. Zurück im Hotel hole ich mir noch etwas aus dem Motorrad, ich traue meinen Augen kaum. Da sitzt der Besitzer mit Freunden in dieser Scheune, um ein offenes Feuer und bereiten in einer großen Pfanne eine Parrilla (Würste, Steaks, Huhn) daneben Sägespäne und die ganze Hütte natürlich aus Holz. Als ich später noch mal etwas aus dem Motorrad hole, war kein Mensch mehr in der Scheune (alle schon beim Essen), aber die Glut war nicht gelöscht. Na hoffentlich entzündet sich hier nichts, sonst kann ich am nächsten Tag zu Fuß weiter gehen!

Die Scheune ist nicht abgebrannt, also brauche ich am nächsten Tag auch nicht zu Fuß gehen. Während ich beim Frühstück sitze beginnt es wieder leicht zu regnen. Also gleich wieder rein in die Regenhose, aber zum Glück hört es kurze Zeit später wieder auf. Die Vegetation wird immer vielfältiger, neben den üblichen Waldbäumen, Bambus und dazwischen immer wieder die riesigen Pangue (Rharbarber ähnliche) Pflanzen, deren Blätter über einen Quadratmeter groß werden können. Von den Bergen leuchten die Gletscher, eine faszinierende Landschaft. Die Sonne sticht immer mehr durch und so beschließe ich die Regenhose auszuziehen. In den Fjorden sehe ich immer wieder riesige Käfiganlagen im Wasser, hier wird Lachszucht betrieben. Um schnelles Wachstum zu erzielen wird hier zu allen Mitteln gegriffen. Beim Genuss solcher Lachse bekommt man gleich eine gehörige Portion Antibiotika und wer weiß was noch alles inklusive!

Kurz vor Puyuguapi gibt es den „Ventisquero Colgante“ den hängenden Gletscher, leider wird es nichts mit der Besichtigung, denn es beginnt wieder heftig zu regnen.

Nach Puyuguapi kamen 1935 vier sudentendeutsche Familien, sie waren nur die Vorhut um zu sondieren wie hier die Lebensmöglichkeiten sind, um dann andere nachkommen zu lassen. Der zweite Weltkrieg kam dazwischen und Auswanderungen wurden verboten. Die vier Familien blieben trotzdem und rodeten den Urwald. So gibt es heute noch eine Brücke im Ort, mit Namen „Puente Walter Hopperdiezel“ und das Kaffee Rossbach.

Aufgrund des strömenden Regens beschließe ich weiter zu fahren. Motorradfahren bei diesem Wetter ist nicht wirklich lustig, aber wie viele Radfahrer hier unterwegs sind ist kaum zu glauben. Aufgrund der schlechten Straßen und den Entfernungen zwischen den Orten ist es den Radlern manchmal nicht möglich den nächsten Ort vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen und Zelt aufstellen ist wegen der dichten Vegetation manchmal auch sehr schwierig. Der Regen wird immer heftiger, in La Junta beschließe ich mir ein Quartier zu suchen. In der Nacht werde ich immer wieder wach, es gießt ununterbrochen weiter. Auch am nächsten Morgen, fahre aber trotzdem weiter, was soll ich hier in dem Kaff machen? Zum Glück ist die Careterra in einem einigermaßen guten Zustand. Landschaftlich wäre es hier gewaltig, bei diesem Sauwetter kann ich es nur erahnen. Bei Villa Santa Lucia zweige ich nach Futaleufu ab, Richtung argentinische Grenze. Ich hoffe, dass das Wetter östlich der Anden besser wird. Die beiden Grenzen sind schnell geschafft und wirklich kurz nach dem argentinischen Posten hört der Regen auf und vereinzelt zeigt sich am Himmel so ein „großes gelbes Ding“ namens Sonne, welche Wohltat. Genüsslich rolle ich auf Asphalt über Trevelin nach Esquel und hier wird es endlich wieder warm!

Von Esquel fahre ich wieder auf der Ruta 40, diesmal aber auf Asphalt Richtung Bariloche. Keine zwanzig Kilometer nach Esquel hat er mich wieder, der Patagonische Wind und mit welcher Stärke, brauche teilweise die ganze Straße. Hier muss ich echt aufpassen, denn es sind viele LKW und Busse unterwegs und die sind nicht langsam. Um nicht vom böigen Sturm von der Straße geweht zu werden traue ich mich kaum schneller als 40 – 50 Km/h zu fahren. Einmal erfasst mich eine gewaltige Böe und drückt mich runter in den Straßengraben, dort stehe ich zwanzig Minuten mit Herzklopfen und vor allem weht der Sturm so heftig, dass ich die Maschine kaum am Stand halten kann. Aber irgendwie schaffe ich es doch wieder zurück auf die Straße und kämpfe mich weiter. Bei Leleque rücken die Berge näher zur Straße und so bin ich dem Sturm nicht mehr so ausgesetzt. Geschlaucht erreiche ich am Abend El Bolson. Von El Bolson nach Bariloche verläuft die Straße durch die Berge, hier macht Motorradfahren wieder richtig Spaß, Kurven und herrliche Landschaft. Zwischen den Bergen eingebettet immer wieder Seen die zum Verweilen einladen.

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